Was trägt im Leben? Mit Gotthelf auf der Suche nach guten Tugenden
Der berühmte Schweizer Autor Jeremias Gotthelf lebte und arbeitete vor rund 200 Jahren als Pfarrer in Lützelflüh – rund 30 Minuten von meinem heutigen Zuhause entfernt. Sein Name war weder Gotthelf noch Jeremias, sondern Albert Bitzius. Regelmässig berichteten ihm Menschen ihre Sorgen und Verfehlungen, sehr Persönliches aus ihrem Leben, und er hatte einen tiefen Einblick, was die Menschen damals beschäftigte. Er konnte daraus gewissermassen destillieren, was ein gelingendes Leben ausmacht und welche Entscheidungen Menschen in Schwierigkeiten bringen. In seinen Büchern Uli der Knecht und Uli der Pächter schildert Gotthelf auf motivierende Weise, wie sich ein Mensch mit wenig Hoffnung und ohne Anfangskapital Schritt für Schritt zu Verantwortung und Wohlstand hocharbeiten kann, trotz widriger Umstände. Aktuell lese ich sein Buch Anne Bäbi Jowäger, und auch dort wieder begegnen einem ähnliche Geschichten. In seinen Figuren werden die christlich geprägten Tugenden sichtbar.
- Fleiss und Verlässlichkeit: etwas sorgfältig tun und Zusagen einhalten.
- Demut: die eigenen Grenzen kennen, sich korrigieren lassen und dazulernen.
- Freundlichkeit und Mitgefühl: auch Menschen achten, von denen man keinen Vorteil erwartet.
- Ehrlichkeit: sich selbst und anderen nichts vormachen.
- Besonnenheit: zwischen einem flüchtigen Impuls und einem tragfähigen Wunsch unterscheiden.
- Mut und Urteilskraft: Verantwortung übernehmen und widersprechen, wenn etwas falsch läuft.
Wir können durchaus die Figuren und zwischenmenschlichen Dialoge ins Heute übertragen. Die Geschichten von Jeremias Gotthelf sind nicht nur Geschichten, sondern basieren auf seinen Beobachtungen. Er konnte aus seinem Erfahrungsschatz als Pfarrer schöpfen und verschiedene Lebensweisen und Entscheidungen miteinander vergleichen, ohne selbst dieselben Fehler machen zu müssen. In seinen Büchern konnte er Tugenden so vermitteln, dass sie anderen Menschen als positive Orientierung dienen konnten. Wie er selbst schrieb, kann selbst ein kleines Wortgespräch sich in der Seele festsetzen und wachsen. Gotthelf beschreibt es im Negativen wie auch im Positiven.
Was hinterlassen seine Bücher, was für wertvolle Kerne pflanzt er da? Er spricht sich für Tugenden wie Demut, Fleiss und Freundlichkeit, für Ehrlichkeit und Gutmütigkeit aus. Dabei soll man aber stets seinen Verstand gebrauchen und sich von seiner Lust nicht auf falsche Wege führen lassen. Aber doch ist es wichtig auf seine Gefühle zu hören; ist da Liebe? Spüre ich da Liebe für jemanden?
Gotthelf beschreibt eine Welt, die rund 200 Jahre zurückliegt. Trotzdem erkenne ich in seinen Figuren vieles, das uns heute noch beschäftigt.
Gerade im studentischen Zusammenleben werden solche Tugenden konkret:
Halte ich Abmachungen ein?
Spreche ich Probleme ehrlich an?
Und begegne ich meinen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern auch dann freundlich, wenn wir unterschiedliche Gewohnheiten, politische Einstellungen, Meinungen haben?